In meinen Coachings begegnen mir immer wieder Menschen, die sehr viel leisten. Sie übernehmen Verantwortung, kümmern sich um andere, halten Termine ein und versuchen, den unterschiedlichen Anforderungen im Beruf und Privatleben gerecht zu werden.
Viele von ihnen gelten als verlässlich, engagiert und belastbar. Sie sind diejenigen, auf die man sich verlassen kann. Die mitdenken. Die organisieren. Die oft schon eine Lösung suchen, bevor ein Problem überhaupt ausgesprochen wurde.
Eigenschaften, die von allen geschätzt werden.
Und dennoch höre ich immer wieder ähnliche Sätze:
- „Ich möchte niemanden enttäuschen.“
- „Ich will keinen Konflikt auslösen.“
- „Die anderen verlassen sich auf mich.“
Oder:
- „Es ist einfacher, wenn ich es einfach selbst mache.“
Auf den ersten Blick klingt das nach Hilfsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein und sozialer Kompetenz.
Und häufig steckt genau das auch dahinter.
Gleichzeitig beobachte ich, dass viele Menschen mit diesen Eigenschaften dazu neigen, die eigenen Bedürfnisse deutlich später wahrzunehmen als die Bedürfnisse anderer.
Sie merken schnell, wenn jemand Unterstützung braucht. Sie spüren Spannungen im Team. Sie registrieren Veränderungen in ihrem Umfeld oft sehr früh und haben ein feines Gespür dafür, was andere Menschen beschäftigt.
Nur bei sich selbst fällt ihnen das häufig schwerer.
Viele Menschen haben früh gelernt, Rücksicht zu nehmen, Verantwortung zu übernehmen oder für Harmonie zu sorgen. Mit der Zeit entwickeln sie ein gutes Gespür für ihr Umfeld und werden zu Menschen, die zuverlässig funktionieren, auf die man zählen kann und die auch in schwierigen Situationen handlungsfähig bleiben.
Das sind große Stärken.
Gleichzeitig können genau diese Stärken dazu führen, dass die Aufmerksamkeit immer stärker nach außen gerichtet ist.
Wer sich über Jahre daran gewöhnt hat, für andere da zu sein, fragt sich oft deutlich seltener, was er selbst eigentlich braucht.
Das geschieht nicht bewusst.
Es ist eher ein schleichender Prozess.
- Man sagt Ja, obwohl man eigentlich Nein sagen möchte.
- Man übernimmt Aufgaben, obwohl der eigene Kalender längst voll ist.
- Man verschiebt Erholung auf später.
Und irgendwann stellt man fest, dass man erstaunlich viel Zeit damit verbringt, darüber nachzudenken, was andere erwarten könnten, während die eigenen Wünsche immer mehr verdrängt werden.
Psychologisch betrachtet ist das nicht ungewöhnlich.
Wir Menschen möchten dazugehören. Wir möchten Beziehungen erhalten, gemocht werden und Teil einer Gemeinschaft sein. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit begleitet uns ein Leben lang und beeinflusst viele unserer Entscheidungen stärker, als uns bewusst ist.
Problematisch wird es häufig erst dann, wenn die Angst, andere zu enttäuschen, größer wird als die Aufmerksamkeit für die eigenen Bedürfnisse.
Dann orientieren sich Entscheidungen zunehmend an Erwartungen von außen und immer weniger an dem, was sich innerlich richtig anfühlt.
Was mich dabei immer wieder berührt, die meisten Menschen, die zu viel Verantwortung übernehmen, tun dies nicht aus Egoismus oder Kontrollbedürfnis.
Im Gegenteil.
Sie tun es oft, weil ihnen andere Menschen wichtig sind. Weil sie helfen möchten. Weil sie niemanden im Stich lassen wollen. Weil sie das Beste für ihr Team, ihre Familie oder ihr Umfeld möchten.
Gerade deshalb erkennen sie häufig erst spät, wenn die eigenen Kräfte langsam weniger werden.
Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, weniger für andere da zu sein.
Vielleicht geht es vielmehr darum, sich selbst wieder mit in die Gleichung aufzunehmen.
Denn Rücksichtnahme und Selbstfürsorge schließen sich nicht aus.
Verantwortung und gesunde Grenzen ebenfalls nicht.
Und ein Nein bedeutet nicht automatisch Ablehnung.
Manchmal bedeutet es einfach, gut für sich selbst zu sorgen.
Immer wieder erlebe ich in Coachings, wie erleichtert Menschen sind, wenn sie erkennen, dass sie nicht für alles verantwortlich sind. Dass nicht jede Erwartung erfüllt werden muss. Und dass sie nicht ständig stark sein müssen, um wertvoll, kompetent oder liebenswert zu sein.
Oftmals beginnt Veränderung nicht mit einem großen Schritt, sondern mit einem ehrlichen Blick auf die eigene Situation.
KLEINE IMPULSE FÜR DEN ALLTAG
- Achten Sie in den kommenden Tagen einmal genauer darauf, an welchen Stellen Sie automatisch Ja sagen, obwohl ein Teil von Ihnen eigentlich Nein meint.
- Beobachten Sie, bei welchen Entscheidungen Sie zuerst überlegen, was andere davon halten könnten, bevor Sie sich fragen, was für Sie selbst stimmig wäre.
- Fragen Sie sich, welche Erwartungen tatsächlich von außen kommen – und welche Sie sich möglicherweise selbst auferlegen.
- Vielleicht gibt es auch einen Bereich in Ihrem Leben, in dem Sie Unterstützung annehmen könnten, ohne dass dies etwas über Ihre Stärke, Kompetenz oder Belastbarkeit aussagt.
Stellen Sie sich zwischendurch eine einfache Frage:
Was würde passieren, wenn ich es heute einfach mal nur MIR recht mache?
Wenn Sie sich in diesem Thema wiederfinden, begleite ich Sie gerne dabei, eigene Bedürfnisse klarer wahrzunehmen, Grenzen zu setzen und Entscheidungen zu treffen, die sich auch für Sie stimmig anfühlen – im Rahmen eines Coachings oder eines Workshops für Unternehmen und Teams.